Konzept

What do you think about the West? –
Gespräche mit jungen Menschen aus der arabischen Welt

Ein Projekt von Bärbel Möllmann und Julia Gerlach

Es wird viel über den Kampf der Kulturen gesprochen. Doch gibt es ihn wirklich? Oder existiert er womöglich nur in unseren Köpfen? Wie werden wir ihn dann wieder los? Wir wollen wissen, was junge Menschen in der arabischen Welt darüber denken. Wie leben sie, wovon träumen sie und wie sehen sie – jetzt in den Zeiten der Krise – die Beziehungen zum Westen? Wir haben dieses Projekt begonnen, weil wir neugierig sind. Wenn wir damit ein wenig zum besseren Verständnis zwischen den Kulturen beitragen können: Um so besser.

Die Bilder und Interviews, die im Dezember 2004 bei unserer Reise nach Dubai entstanden, wollen wir in einer Ausstellung präsentieren. Die Porträts unserer Gesprächspartner hat Bärbel Möllmann mit einer Lochkamera aufgenommen. Diese Technik erfordert von den Porträtierten einen Moment Geduld. Sie müssen sich auf das Fotografiert werden einlassen. Stillhalten. Die Bilder, die so entstehen, haben eine besondere Intensität. Sie zeigen mehr als nur die äußere Erscheinung der Menschen, ihre Haar- und Augen­farbe. Der Betrachter bekommt die Illusion, den Porträtierten kennen zu lernen. Dieser Eindruck wird durch die Interviews, die Julia Gerlach gemacht hat, verstärkt. Über Kopfhörer können die Besucher der Ausstellung hören, was die jungen Menschen ihnen sagen wollen.

Wir haben uns Dubai für unsere Umfrage ausgesucht. Denn Dubai ist eine Art New York der arabischen Welt. Wir haben dort junge Menschen aus der ganzen Region getroffen, die nach Dubai gekommen sind, weil sie hoffen, hier ihr Glück zu finden. Die Stadt am Golf bietet das, was sie in Casablanca, Kairo und Gaza vergeblich suchen: Jobs, Zukunftsperspektiven und ein entspanntes Leben zwischen Strand, Shoppingmall und Nachtclub. Kein Religionswächter rümpft die Nase über Spaghettiträger und Stiletto-Absätze. Wer lieber Bart und Kopftuch trägt und es mit der Religion hält, auch der findet in Dubai reichlich Angebote. Das Emirat bietet zugleich das, was viele Araber derzeit im Westen vermissen: Das Gefühl von Heimat und Respekt für die arabische Kultur.
Die Stadt lockt junge, gut ausgebildete Karrieremenschen an. Es kommen aber auch die weniger Privilegierten: Bauarbeiter, Nachtportiers, Supermarktpacker. Sie alle vereint, die Hoffnung in Dubai ein besseres Leben zu finden. Außerdem wissen sie alle, wovon sie sprechen, wenn es um die Beziehungen zum Westen geht. Die Symbole westlicher Kultur – und seien es nur die Werbetafeln für Markenprodukte an den Autobahnen der Stadt – sind nicht zu übersehen. In Dubai stehen arabische, westliche und asiatische Einflüsse nebeneinander. Die Stadt ist zugleich ultramodern und sehr traditionell. Dubai ist daher ein idealer Ort, um über Kulturunter­schiede zu sprechen.

Wir haben unsere Gesprächspartner gebeten, mit uns auf Englisch zu sprechen. Das mag ungewöhnlich erscheinen. Sind doch die meisten Menschen offener, sprechen freier, wenn sie in ihrer Muttersprache erzählen können. Doch unser Projekt richtet sich zunächst an ein westliches Publikum. Wir wollen, dass die Besucher der Ausstellung direkt und ohne Übersetzung hören können, was die jungen Menschen in Dubai über sie – sie persönlich und sie als Vertreter des Westens – denken. Schon in vielen unserer Interviews wurden die Rollen in diesem Sinne verteilt. Nach dem Motto: Wir Araber erzählen euch Westlern einmal, was das Problem zwischen uns ist. Zugleich lässt sich diese Einteilung der Welt in Gut und Böse nicht durchhalten, wenn man sich persönlich trifft. Es ist schwer, in jemanden einen Feind zu sehen, wenn man sich in die Augen schaut. In einigen Fällen haben wir die Gesprächspartner zunächst auf Arabisch erzählen lassen und sie dann gebeten, ihre eigenen Worte noch einmal auf Englisch zu wiederholen. Manchmal hat es geklappt. Andere Interviews präsentieren wir auf arabisch mit einer schriftlichen Übersetzung.

Wir haben unsere Gesprächspartner zunächst gebeten, sich vorzustellen und uns zu erklären, was Dubai für sie bedeutet. Wie leben sie? Wovon träumen sie. Anschließend haben wir unsere zentrale Frage: »What do you think about the West« gestellt. Wir haben auch nach dem Unterschied zwischen westlicher und arabischer Kultur gefragt, und ob sie die Meinung vieler arabischer Jugendlicher teilen, dass der Westen einen Krieg gegen den Islam führe. Wir fragten sie, was sie Menschen aus dem Westen antworten würden, wenn diese der Meinung seien, dass die Araber den Westen hassten. Wir fragten sie auch nach der Einstellung arabischer Jugendlicher zu Usama Bin Laden. Unser Ziel war es, unsere Gesprächspartner zum Erzählen zu ermuntern, uns ihre Sicht auf die Welt zu erklären.

Bärbel Möllmann, Jahrgang 1970 ist freie Fotografin und Medienkünstlerin. Das Vorläufer-Projekt »Visions NYC« entstand im echten New York wo sie die Menschen dort nach ihren Träumen und Visionen befragte. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Julia Gerlach, Jahrgang 1969, ist Journalistin und Autorin. Sie hat lange in der arabischen Welt gelebt und viele Reisen dorthin unternommen. Sie lebt in Frankfurt/Main.

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